Arbeiten wie Kinder in Indien
"Für uns ist es nur ein Spiel. Aber für die Kinder in Indien bedeutet das harte Arbeit…"

Kinderreichtum ist eines der Merkmale von Familien in Ländern der Dritten Welt. Kinder haben für ihre Eltern in doppelter Hinsicht existenzielle Bedeutung. Einerseits tragen sie durch ihre Feldarbeit, Gelegenheitsarbeiten oder durch Betteln in den Städten zur Lebenssicherung bei. Andererseits bieten sie eine Art Sozial- und Altersversicherung, denn viele Kinder zu haben bedeutet Aussicht auf Hilfe bei Krankheit und "Rente" im Alter.

Wie macht man diese Problematik allerdings Schülerinnen und Schülern einer achten Klasse verständlich?

Ein Tütenklebespiel (nach den Materialien von ´Terre des Hommes`) sollte versuchen den Schülerinnen und Schülern der Klasse 8.3 Kinderarbeit in Indien "fühlbar" und verstehbar zu machen. Auch einige Schülerinnen und Schüler dieser Klasse haben schon mal gearbeitet und beispielsweise mit Babysitting oder der Pflege von Pferden Geld verdient. Sehr schnell haben die Schüler allerdings erkannt, dass man "Kinderarbeit" in Deutschland mit der in Indien nicht vergleichen kann. "Ich wollte mein Taschengeld aufbessern", war der meist genannte Grund für das Arbeiten in den Ferien oder am Wochenende. Wie aber ist die Situation in Indien?

Die Schüler hatten den Auftrag, sich zur Durchführung des Papiertütenklebens in Kleingruppen zusammenzufinden, wobei es ihnen freigestellt war, innerhalb einer Gruppe arbeitsteilig vorzugehen. Die Kleingruppen standen für indische Familien, die gemeinsam an der Produktion von Papiertüten arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Mit einer Faltanleitung für diese Tüten und genügend alten Zeitungen machten sich die Schüler an die Arbeit um möglichst viele Tüten in der vorgegebenen Zeit von 20 Minuten herzustellen. Nach Ablauf der Zeit wurden die Tüten jeder "Familie" auf ordnungsgemäße Herstellung und Gebrauchsfähigkeit kontrolliert und ausgezählt. Hierbei wurden strenge Maßstäbe zugrunde gelegt.

Nun mussten die "Familien" ihre Ergebnisse auf einen Arbeitstag von 15 Stunden hochrechnen. Beim Vergleich von dem in Indien üblichen Lohn für die erstellten Papiertüten mit einer Preisliste wichtiger Nahrungsmittel waren viele Schülerinnen und Schüler ziemlich schockiert! Diese unerwartet gering ausgefallene Entlohnung für die geleistete Arbeit führte zu einer Diskussion, in der die Situation der indischen Kinder der eigenen Lebenssituation gegenübergestellt wurde.

Am Ende dieses Unterrichtsgesprächs waren sich alle einig: "Lieber jeden Tag zur Schule gehen…"

Manuela Stein

Schüler-Bericht:

Vor einigen Wochen begannen wir mit dem Thema Indien. Unter anderem verglichen wir es auch mit der Lebensart von uns Deutschen. Schnell stellten wir die gravierenden Unterschiede fest, wie zum Beispiel die Kinderarbeit, die die meisten von uns mit am meisten erschreckte. In Deutschland ist sie ungefähr seit 1930 endgültig verboten. In Indien hingegen schufften die Kinder für ihr und das Überleben ihrer Familie. Kinder die eigentlich zur Schule gehen sollten, wie wir.

Um sieben Uhr, die Zeit, zu der die meisten von uns gerade aufstehen oder auch schon vor einem voll gedeckten Frühstückstisch sitzen, beginnt in Indien der Arbeitstag eines 12-jährigen Jungen. Von nun an arbeitet er durchgehend bis 22 Uhr, unvorstellbar für unsereinen. Die einzige Unterbrechung an diesem ("normalen") 15-Stunden Tag ist eine halbstündige Mittagspause.

Die Arbeit der Kinder besteht meist aus Nähen und Kleben, so auch die des 12-jährigen Jungen. Er klebt 15 Stunden am Tag Papiertüten. Um die indischen Kinderjahre nur ein klein wenig besser nachfühlen zu können, haben wir das Ganze für 15 Minuten einmal nachgemacht. Während dieser Zeit sollten wir so viele qualitativ gute Papiertüten wie möglich herstellen. Sechs und mehr waren die meisten Ergebnisse von uns. Das wären dann 24 in der Stunde und 360 am Tag. Die Kinder in Indien schaffen es am Tag auf circa 400 Tüten, und das jeden Tag.

Damit verdienen sie jedoch gerade mal 25 Rupien pro Monat. Von diesem Geld können sie sich dann ein Huhn, 1kg Reis und 1kg Gemüse leisten (im Monat). Das langt bei weitem nicht die ganze Familie zu ernähren, deshalb gilt: Je mehr Kinder man hat, die arbeiten können, desto besser... Eine Ausbildung und Hoffnung haben diese Kinder meist nie, sie müssen weiterhin, als Erwachsene, Billiglöhne in Kauf nehmen und so auch die nächste Generation Kinder zum Arbeiten schicken um einfach nur überleben zu können...

Gezeigt wurde einem durch diese Lebensart, was für ein schönes, vor allem sorgloses Leben man doch hat und dass es noch viel zu ändern gibt...

Natalie Hangel

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