Zeitzeugenbericht

 

Wir heißen Johnny und kommen wieder –
Besatzungskinder suchen ihre Väter

 

Frau Susanna Martinez, selbst Tochter einer deutschen Mutter und eines US-Soldaten aus Puerto Rico, berichtet in ihrem Vortrag „Wir heißen Johnny und kommen wieder – Besatzungskinder suchen ihre Väter“ von ihrem Leben als Besatzungskind und von der Suche nach ihrem Vater.

 

Das Bild, das Deutschland nach Kriegsende 1945 bot, waren Trümmer und Zerstörung und war zudem geprägt von stationierten Soldaten. Auch Mannheim war 1945 von US-Soldaten u.a. aus Puerto Rico besetzt. Puerto Rico gehört zum Commonwealth of United States, was bedeutet, dass die Bevölkerung einen amerikanischen Pass hat, die Männer somit als Soldaten eingezogen werden können, aber kein Wahlrecht besitzen.

 

Viele Frauen in Deutschland hatten im Krieg ihre Ehemänner verloren und standen vor einer ungewissen Zukunft. Zudem wurden viele Deutsche für die Soldaten aus ihren Wohnungen gewiesen.

 

Zwischen der Bevölkerung und den stationierten Soldaten herrschte ein Fraternisierungsverbot. Doch diese Kontaktsperre hielten die vielen ledigen und verwitweten Frauen nicht ein.

 

Als die Soldaten im Oktober 1945 wieder aus Mannheim abkommandiert wurden, waren viele der jungen Frauen schwanger und wussten häufig nur einen falschen Vornamen der Männer. Den Soldaten wurde von der Armee verboten, ihre richtige Anschrift preiszugeben.

 

Insgesamt kamen 1200 weiße und 230 dunkelhäutige Besatzungskinder zur Welt.

 

Eine Hochzeit zwischen einer Deutschen und dem Soldat war erst nach der Gründung der BRD 1949 erlaubt.

 

Die meisten Besatzungskinder teilten ein ähnliches Schicksal. Sie wurden von Menschen, deren Einstellung noch von der Naziideologie geprägt war, beschimpft und häufig auch in der eigenen Familie nicht akzeptiert. Man schämte sich für sie und hatte Vorbehalte. Viele Besatzungskinder erfuhren nichts über ihren Vater und dessen Familie.

 

Susanna Martinez hatte da mehr Glück. Ihre Familie hielt mit der älteren Schwester ihres Vaters „Herry“ Kontakt. Tanta Lola schickte regelmäßig Briefe und Geschenke. Ihr Vater, der mit richtigem Namen Ismael Martinez heißt, hatte 1950 geheiratet und hat 3 weitere Kinder.

 

1977 besuchte Susanna Martinez ihre Familie in Puerto Rico zum ersten Mal. Die Treffen mit ihrem Vater müssen jedoch heimlich stattfinden, da seine Ehefrau eifersüchtig auf sein deutsches Vorleben ist und den Kontakt verbietet.

 

Susanna Martinez berichtet außerdem von zwei anderen Frauen mit ähnlichem Schicksal.

 

Iris Strubbel konnte erst nach dem Tod ihrer Mutter nach Puerto Rico reisen. Mit Hilfe eines Polizisten, der ebenfalls in Mannheim als Soldat stationiert war, fand sie schließlich ihren mittlerweile 82 Jahre alten Vater, der nie geheiratet hatte.

 

Auch Traude Schwind konnte sich erst nach dem Tod ihrer Mutter 2003 auf die Suche nach ihrem Vater „Johnny“ machen. Sie fand zwar Teile ihrer Familie, doch musste sie gleichzeitig erfahren, dass ihr Vater bereits 1999 verstorben war.

 

Auf Susanna Martinez kommen immer mehr Besatzungskinder zu und bitten sie um Hilfe bei der Suche nach ihren Vätern.

 

Die Suche stellt sich jedoch oft als hoffnungslos heraus, da viele ehemaligen Soldaten nach New York und Chicago ausgewandert sind und sich dort ein neues Leben aufgebaut haben. Außerdem ist es fast unmöglich, die Väter ohne ihre Sozialversicherungsnummer ausfindig zu machen.

 

Trotzdem konnte Susanna Martinez einigen Menschen helfen, ihre Väter und Familien in Puerto Rico zu finden.

 

Tanja Herbert